Hast du dir diese Frage auch schon gestellt?

Wie lange darf man oder soll man eigentlich trauern?

 

Wo steht denn eigentlich geschrieben, dass man ein Trauerjahr einhalten muss?

Wer gibt das eigentlich vor?

Hast du dich das auch schon mal gefragt, wo das eigentlich herkommt?

In erster Linie kann ich mich erinnern, dass die Kirche so etwas vorgibt/vorgab! Es geht ja in der Kirche sehr viel um Schuld/Schuldigern, Schuldgefühle – im Vater Unser heißt es ja schon „und vergib uns unsere Schuld und unseren Schuldigern“.

Welche Schuld und welche Schuldiger?

Mir ist aufgefallen, dass wir sehr vieles unbewusst machen, weil es halt schon immer so war. „Das gehört sich so!“ hieß es schon zu Schulzeiten. Na dann machen wir es halt auch so.

Als ich das erste Mal in der Kirche bewusst auf den Text des Vater Unser geachtet habe, konnte ich es von da an nicht mehr beten. Ich erinnere mich, dass ich zu meiner Mutter sagte „Ich kann es nicht mehr beten, das fühlt sich für mich nicht stimmig an!“ Seither lasse ich es.

Aber da wurde mir auch wieder mal bewusst, wie viele Dinge wir einfach machen, weil es immer schon so war und weil uns von klein auf beigebracht wurde, dass sich das so gehört! Und wenn wir als Kind mal nachgefragt haben, hieß es „Sei still!“ – ich denke heute, das war wohl auch aus der Unsicherheit heraus. Viele Erwachsene wollten und wollen sich nicht damit auseinandersetzen.

Zugegebenermaßen ist es auch manchmal etwas unbequem.

Ich beobachte häufig, dass überwiegend ältere Damen nach dem Verlust des Partners mindestens 1 Jahr lang in schwarz gehen und sehr häufig das Grab besuchen, sehr oft täglich, manchmal sogar mehr als 1mal am Tag. Dahingehend bekomme ich häufig mit, dass sich andere Menschen darüber mokieren, weil „die“ ständig auf den Friedhof läuft, jetzt darf es auch mal wieder gut sein!

Dann habe ich auch schon das Gegenteil mitbekommen, dass manche nicht sehr lange schwarz tragen und auch nicht ständig auf dem Friedhof sind, dass da nicht durchgehend eine Kerze brennt und das Grab vielleicht auch nicht immer perfekt aussieht. Auch darüber regen sich manche Leute auf, weil es da wohl anscheinend keinen interessiert, so nach dem Motto „Kaum unter der Erde, vergessen!“

Aber wie denn nun?

 

Wie man’s macht, ist es verkehrt!

Aber was ist denn nun richtig? Wie soll ich es denn nun machen?

Ich würde sagen – so, wie es sich für dich am besten anfühlt! Wie in allen Lebensbereichen fahren wir am besten, wenn wir es uns selbst „recht“ machen. Mehr Energie darauf legen, hinzuspüren, was uns denn im Moment gut tut und weniger darauf zu achten oder zu überlegen, was denn andere darüber denken könnten.

Jeder hat doch seine eigene Meinung, häufig zwar übernommen und auch wenig hinterfragt, dennoch ist es im Augenblick die eigene Meinung.

Und die Meinungen gehen ja wie bekannt häufig stark auseinander. Demzufolge macht es doch durchaus Sinn, sich über die Themen seine eigene Meinung zu bilden und auch das eine oder andere Mal zu hinterfragen, ob es denn wirklich deine tief im Innen empfundene Meinung ist oder ob es vielleicht die Meinung deiner Eltern o. ä. ist, die du unbewusst übernommen hast – und wenn du gefunden hast, was sich für dich gut anfühlt, dann danach zu leben! Denn kurioserweise ist es so, wenn du für dich ganz sicher bist, was dir guttut, strahlst du das nach außen aus und es wird auch im Außen als selbstverständlich wahrgenommen. Logisch – du hegst ja dann auch keinen Zweifel daran, ob deine Einstellung richtig oder falsch ist – du bist mit dir „gut“ und genau so soll es sein!

 

Aber wie weiß ich denn, was für mich richtig ist?

 

Fühlen, was für dich am besten ist, ist ein Prozess, der auch etwas Zeit in Anspruch nehmen kann. Vor allem, wenn du im Laufe der letzten Jahre verlernt hast, dich zu spüren, ist es wie Muskeltraining. Nimm dir immer wieder ein paar Minuten Zeit für dich. Setze oder lege dich hin und werde ganz still.

Atme tief in den Bauch ein und aus und fühle. Einfach nur fühlen. Gedanken kommen und gehen lassen. Nicht daran festhalten, wie Wolken am Himmel vorbeiziehen lassen und fühlen. Alles da sein lassen, was gerade kommt, nichts wegdrücken, runterschlucken – annehmen, sein lassen und atmen.

Du wirst sehen, dass du mit jedem Mal mehr Verbindung mit dir selbst bekommst und du mehr und mehr spürst, was sich für dich gut anfühlt. So kannst du immer schneller und auch in der Hektik des Alltags besser innehalten und reinspüren, ob es für dich so in Ordnung ist! Denn auch wenn es noch so lieb gemeint ist, ein Außenstehender, auch ein naher Angehöriger, kann es nicht wissen, was für dich gut ist – das kannst nur du für dich rausfinden.

Vor allem im näheren Umfeld ist die emotionale Verbundenheit ein Faktor, der es erschwert, objektiv auf eine Sache, Angelegenheit, Problem wie auch immer zu kucken.

Es ist für die eigene Persönlichkeitsentwicklung nach meiner persönlichen Erfahrung und auch im Umgang mit Klienten wichtig, sich einen unabhängigen Therapeuten, Coach etc. immer wieder zur Seite zu holen, um unbewusste Bremsfaktoren im Leben aufzuspüren und aufzulösen.

 

Wie soll ich denn damit umgehen, wenn andere es verurteilen?

 

Jeder gibt zu jedem Zeitpunkt sein Bestes. Unter diesem Aspekt betrachtet, fällt es mir immer viel leichter, die Aktionen und Reaktionen anderer Menschen verständnisvoller und entspannter zu sehen. Ich nehme es nicht mehr so persönlich, weil ich weiß, dass es nichts mit mir zu tun hat, sondern mit den Erfahrungen und Gefühlen, Glaubenssätzen, Überzeugungen der anderen. Das macht für mich schon vieles leichter. Und – ich weiß, dass ich es nicht jedem recht machen kann, auch wenn ich von allen gemocht werden möchte – es geht halt einfach nicht! Als Kind habe ich immer versucht, vor allem meinen Eltern zu gefallen. Irgendwie war es aber häufig so, dass ich es gerade meiner Mutter nicht wirklich recht machen konnte. Auch wenn ich es beim nächsten Mal anders versuchte – es wollte einfach nicht klappen – sie mäkelte rum. Das frustrierte und verletzte mich als Kind natürlich sehr! Heute weiß ich, dass es nichts mit mir zu tun hatte und dennoch gibt es immer wieder Momente, wo ich im ersten Moment wie das verletzte Kind reagiere – weil es halt auch tief in meinen Zellen abgespeichert ist! Aber – da ich es heute weiß, bemerke ich es schneller und kann auch schneller und besser damit umgehen und mir überlegen – was brauche ich jetzt im Moment, dass es mir gut geht!

 

Ist es Verrat an meinem verstorbenen Partner, wenn ich „zu früh“ aufhöre, zu trauern?

 

Diese Geschichte mit den Schuldgefühlen ist eine sehr tief verankerte in unserer Gesellschaft und  wird natürlich auch immer wieder „geschürt“ – es ist ein großes Machtinstrument. So werden Menschen „klein“ gehalten, manipuliert.

Auch hier ist das Fühlen ein wichtiger Faktor und Wegweiser.

Ich habe mich oft anfänglich nach dem Tod meines Mannes gefragt „Hätte ich was anders machen können? Habe ich was übersehen? Habe ich überhaupt das Recht, noch weiterzuleben?“

Diese Fragen und Gedanken quälten mich lange Zeit. Bis ich akzeptierte, dass es sein Weg war, zu sterben. Dass es mit mir nichts zu tun hatte, dass sein Weg zu Ende war.

Ich bin überzeugt davon, dass wir uns als Seelen, bevor wir auf die Erde kommen, verabreden. (Ist meine Theorie, mit der ich sehr gut leben kann!)

Und wenn ich mir vorstelle, dass wir wie die kleinen Kinder uns schon freuen, diese spannende Geschichten miteinander zu leben, dann ist es für mich eine sehr schöne Vorstellung.

Wir kommen also auf die Welt und sind als kleine Kinder auch noch sehr neugierig und gespannt und entdeckungsbereit. Wenn wir uns weh tun, schreien wir wie am Spieß und gehen dann wieder zum Spielen. Das ist so in den ersten 1-2 Jahren auch noch meist völlig in Ordnung. Doch dann fängts schon an, dass wir mehr und mehr ermahnt werden. Dann kommen Sätze wie „Schrei‘ doch nicht so, was sollen denn die Leute denken!“ usw.

Das sind übernommene Sätze, die unsere Eltern von ihren Eltern einfach so ohne Zensierung übernommen haben. Und wir Kinder fragen uns immer häufiger „Was ist denn jetzt los! Was habe ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht!“ und wir fühlen uns im Laufe des „Groß-Werdens“ immer „falscher“ und beziehen sehr vieles auf uns und leben immer weniger aus uns heraus und immer mehr nach außen orientiert. Und vergessen unsere Verabredungen, bevor wir hier auf die Erde kamen und das Leben fühlt sich überwiegend schwer an mit Schuld, Scham, Kampf! „Das Leben ist halt kein Zuckerschlecken!“ usw.

Doch wenn wir anfangen, uns wieder zu erinnern, zu fühlen und uns dem Leben hinzugeben und zu akzeptieren, dass jeder seinen eigenen Weg hat und dass wir uns verabredet haben, diese Erfahrung des Todes gemeinsam zu machen, weil wir wussten, dass wir es „aushalten“ können – dann weiß ich, dass ich meinen Partner nie verraten kann!

 

 

Ab wann darf ich mir denn erlauben, wieder glücklich zu sein?

 

Ich habe sehr viel gelesen und recherchiert und bin auf nichts gestoßen, wo niedergeschrieben wäre, dass man in der Trauer nur Schwere und Leid erleben muss und dass Trauer die absolute Abwesenheit von Glück bedeutet.

Es gibt ja auch sehr viele Interpretationen des Neuen Testamentes. Auslegungssache würde ich sagen. Die Zeugen Jehovas zum Beispiel legen diese Schrift total anders aus als die katholische Kirche. Ich habe in der Bibel den Satz gelesen „Es geschehe nach eurem Glauben“ und dieser Satz ist absolut wahr wie ich finde und auch beobachte.

Das heißt also in diesem Fall – wenn ich glaube, dass ich nicht glücklich sein darf, mich meines Lebens erfreuen darf, weil jemand verstorben ist – dann ist es auch so und ich ziehe Menschen an, die mir das auch immer wieder bestätigen, dass das so ist! Das passiert natürlich unbewusst – es ist ja ein vollkommen „normaler“ Glaube, der überwiegend verbreitet ist!

Wenn ich jedoch wie schon mal erwähnt daran glaube, dass wir uns verabredet haben und der Verstorbene wieder dahin zurückkommt und von oben runtersieht und es ihm leid tut, dass wir uns hier unten so grämen, weil er sich ja eigentlich schon freut auf neue Erfahrungen in neuen Leben – dann sieht doch die ganze Geschichte ganz anders aus, oder?

Und auch für den Fall, dass du sagst „Das glaube ich jetzt nicht, das ist mir doch zu weit hergeholt“ – auch in Ordnung!

Aber wenn es sich durch diese veränderte Sicht leichter leben lässt, warum dann nicht einfach mal versuchen?

 

Mein Fazit:

Trauer ist immer individuell und ein Prozess. Der Schmerz des Verlustes kommt und geht, mal mehr, mal weniger. Das heißt jedoch nicht, dass ich während des Trauerprozesses mein Leben „auf Eis“ stellen muss, weil ich ja schließlich traurig bin. Das steht nirgends und diesen Irrglauben müssen wir auch nicht noch mehrere Generationen weitertragen. Das Leben ist kein Kampf, das Leben ist Freude und auch oder gerade nach einem Verlust sollte uns bewusst werden, dass wir noch leben und dass wir unser Leben feiern sollten. Wenn wir anfangen, uns wieder mehr zu fühlen, uns selbst mehr zu vertrauen, dann wissen wir immer mehr, was für uns wann und wie lange gut ist!