Wieso suchen wir in jeder Katastrophe/Krise/Verlust einen Schuldigen?

 

Ich habe mich vor kurzem nach einer Katastrophe gefragt, warum sofort nach dem/den Schuldigen gesucht wird. Beinahe im gleichen Atemzug wie über die Katastrophe selbst berichtet wurde, wurde die Frage nach der Schuld in den Raum gestellt – und ich dachte mir, warum ist das so wichtig?

Wo liegt eigentlich der Ursprung?

Bei der Frage nach dem Warum habe ich mich damit beschäftigt, wo eigentlich der Ursprung für die Schuld und die Suche nach dem Schuldigen liegt? Na – wie so häufig bei dieser Art von Themen steckt wohl die Institution Kirche dahinter. Schon im Vater unser heißt es „und vergib mir meine Schuld wie auch ich vergebe meinen Schuldigern“ – Hm – wo kommt die denn her, diese Schuld? Was steckt dahinter?

Was steckt dahinter?

Auch hier geht die Geschichte weit zurück. Eva wurde ja angeblich auch die Schuld gegeben, dass „es in die Hose“ ging, weil sie dem Apfel nicht widerstehen konnte. Ist es denn nicht nahezu menschlich, dass ich – gerade zur damaligen Zeit – beim Anblick eines prallen saftigen Apfels Lust bekomme, ihn zu „vernaschen“? Ist es vielleicht die „Sünde“, die dahinter steckt, die die Kirche uns ja seit Jahrhunderten „eintrichtert“ – dass Spaß, Freude, Lust, Wollust – alles, was das Leben schön macht, das Werk des Teufels sei?

Ist es nicht vielmehr so, dass Menschen, sobald sie der Lust, dem Spaß, der Freude nachgehen, nicht mehr so manipulierbar sind, wie die Menschen, die Angst davor haben, dass sie der Teufel am Ende noch holt?

Und ist es nicht so, dass durch die Medien, die permanente halbstündliche Berichterstattung über diese Dramen die Menschen unbewusst aber stetig in Angst und Schrecken versetzt werden und sie am Ende froh sind, nicht schuld zu sein an der Katastrophe, sich andererseits aber unbewusst schuldig fühlen, weil sie Gott sei Dank nicht betroffen sind? Und sich dann in der Folge mit Spenden ihr Gewissen beruhigen?

Warum wird es dann irgendwie leichter, sobald ein Schuldiger gefunden wurde?

Ich beobachte sehr oft – auch bei mir selbst – dass es sich irgendwie leichter anfühlt in dem Moment, wo ein Schuldiger gefunden wurde. Vor allem bei Entführungen, Amokläufen oder ähnlichem. In dem Moment, wo ein Schuldiger in den Medien präsentiert wird, atmet die Welt auf! Tragisch, aber geklärt und wir sind nicht schuld! Gott sei Dank!

Auch wenn jemand stirbt, wird in den Familien häufig nach einem Schuldigen gesucht! „Wenn du nicht….dann wäre er nicht krank geworden – nicht gestorben“ – „wenn ihr nicht gestritten hättet, dann …..“  – „wenn er dich nicht getroffen hätte, dann….“ –  es gibt Millionen von Varianten – letztendlich geht es nur darum, sich dem eigenen Schmerz nicht stellen zu müssen. Solange ich damit beschäftigt bin, jemand anderem die Schuld zuzuschieben, bin ich von meinem eigenen Schmerz abgelenkt und das machts vermeintlich leichter zu machen. Aber halt nur vermeintlich! Der Schmerz bleibt! Und irgendwann betrachten wir alles nur noch durch den Schmerz und das Leid nimmt kein Ende!

Und was ist, wenn wir selbst diejenigen sind, denen die Schuld zugewiesen wird?

Wenn wir dann mal den Spieß der Schuldzuweisungen umdrehen, wenn wir mal in der Situation sind, wo nicht wir mit dem Finger auf die Schuldigen zeigen, sondern wir selbst diejenigen sind, auf die mit dem Finger gezeigt wird? Was dann? Wie fühlt sich das an?

Möchtest du wirklich tauschen mit demjenigen, der offiziell als schuldig deklariert wird?

Und – bringt es wirklich die Erlösung? Ändert es irgendetwas an der Tragik des Geschehenen

Was wäre vielleicht die bessere Lösung für alle Beteiligten?

Wenn ich davon ausgehe, dass jeder zu jedem Zeitpunkt sein Bestes gibt, dann kann ich vieles schon entspannter betrachten.

Und wenn ich dann den Spieß umdrehe und mir vorstelle, wie es mir ginge, wenn ich als Schuldiger an den Pranger gestellt würde, dann betrachte ich die Dinge wahrscheinlich auch etwas anders.

 

Und dann bleibt da noch die Frage: Wer sagt denn, dass es einen Schuldigen braucht? Was – wenn es so der Plan war und es auch so sein musste! Was, wenn sich die Seelen so verabredet haben – dass sie diese Erfahrung miteinander machen wollten.

Was, wenn z. B. mein Mann und ich uns als Seelen verabredet haben, dass wir diese Erfahrung in diesem Leben machen wollten und es ganz spannend fanden? Und auch die Seele unseres Sohnes in diesem Leben die Erfahrung machen wollte, früh seinen Papa zu verlieren, um persönlich zu wachsen?

Was dann? Wie ändert sich dann der Blick auf die Geschehnisse? Können wir es dann vielleicht eher als gegeben hinnehmen und Frieden schließen?

Besser anfühlen tut es sich so allemal, wie ich finde…