Vor 5 Jahren im November war ich verzweifelt, angsterfüllt und wütend auf das Leben. Mein Mann war schwer an Krebs erkrankt und bewegte sich bereits zwischen den Welten. Ich hatte den Eindruck, er wusste noch nicht sicher, ob er gehen soll oder nicht. Es war bestimmt für ihn auch nicht leicht – einerseits denke ich, wollte und konnte er nicht mehr, sein Körper war von den Chemos schon sehr strapaziert – andererseits war da noch unser kleiner Sohn – gerade mal 3 Jahre alt – ihn wollte er nicht im Stich lassen.

Eigentlich mag ich den November – in dem Monat habe ich Geburtstag und auch unser Sohn ist im November geboren.

In November 2014 war alles nur noch schwer, bedrückend, lähmend, angespannt – ich war ohnmächtig, hatte keine Kraft mehr, ich hatte die ganzen Monate so gekämpft, wollte meinen Mann behalten, wollte unserem Sohn den Papa erhalten – bis mir klar wurde, dass ich diesen Kampf nicht gewinnen werde, nicht gewinnen kann – weil es nicht mein Weg war, sondern der meines Mannes.
Ich weiß noch, ich war auf einem Seminar und meine Sitznachbarin sagte, ich sollte dies und jenes noch bei meinem Mann anwenden und auf einmal sagte ich „Nein, ich muss gar nichts mehr“.

Es war mir auf einmal ganz klar und ich wurde seltsam ruhig. In diesem Moment wusste ich, dass es so, wie es war, in Ordnung war. Das spürte ich ganz tief im Herzen. Und ich entschloss mich, dies meinem Mann, der die letzten Tage auf der Palliativstation lag, zu sagen.

Als ich ihn ins Krankenhaus gefahren hatte, dachte ich wirklich, nur für ein paar Tage, dann hol ich ihn wieder nach Hause. Ich hatte zwar die Befürchtung, dass es nicht mehr lange gutgehen würde, aber dass er schon da nicht mehr nach Hause kommen würde, war mir nicht klar. Ihm wohl schon, denn er ging am Tag vorher zuhause noch alles ab – die Scheune, den Garten, überall sah er noch rein und verabschiedete sich – das erzählte mir sein Vater später.

Am Tag, nachdem ich ihm sagte, dass er gehen dürfe, wenn er wollte, es sei alles gut, starb er, 3 Tage nach dem 4. Geburtstag unseres Sohnes.
Und obwohl es vom Verstand her wohl das Beste für ihn war, tat es unfassbar weh.
Tragischerweise starb einen Tag vor der Beerdigung meines Mannes auch noch die Lebensgefährtin seines Bruders auch an Krebs.
Alles unwirklich – das kann doch alles nicht wahr sein…

Ich funktionierte, brachte den Kleinen wie gewohnt in den Kindergarten, erledigte Büroarbeiten – wir hatten ja eine gemeinsame Firma mit 15 Mitarbeitern – alles musste weiterlaufen.

Ohne therapeutische Unterstützung hätte ich diese Zeit nicht so gut durchgestanden oder ich hätte jetzt mit erheblichen „Spätfolgen“ zu kämpfen. Denn alles, was wir nicht aufarbeiten, manifestiert sich körperlich und ich konnte und kann es mir auch jetzt nicht leisten, auch noch auszufallen.
Schließlich habe ich eine Verpflichtung meinem Sohn und auch meinem eigenen Leben gegenüber.

Es gibt einen Grund, warum wir auf der Welt sind.
Jeder einzelne von uns ist wichtig hier, auch du!